Australian Embassy
Germany
Germany, Switzerland, Liechtenstein

Rede121111


Internationale Gedenkveranstaltung
des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge
Berlin, 12. November 2011

Gedenkansprache von S.E. Botschafter Peter Tesch


Sehr geehrter Herr Präsident,
Herr Staatssekretär,
Herr Wehrbeauftragter,
Herr Generalinspekteur,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren


Heute zu Ihnen in diesem Rahmen sprechen zu dürfen, ist eine besondere Ehre für mich und gar keine Selbstverständlichkeit.

Ich verstehe es jedoch als ein Zeichen für die zunehmende internationale Verbundenheit und Zusammenarbeit Deutschlands und Europas, aber auch als eine Würdigung unserer nun bald 60-jährigen engen bilateralen Partnerschaft, dass ich als Vertreter Australiens bei diesem Anlass an die Rolle meines Landes zunächst in den innereuropäischen und später globalen Konflikten und Kriegsschauplätzen erinnern darf.

Die jährlichen „stillen Tage“ im November – der Volkstrauertag in Deutschland, der Remembrance Day bei uns und in anderen Ländern des Commonwealth, der Waffenstillstandstag in Frankreich – verbinden uns ja im Gedenken an die Toten der schrecklichen Kriege der Vergangenheit. Sie sind uns eine bleibende Mahnung und Verpflichtung, den gemeinsamen Weg des Friedens weiterzugehen und in gemeinsamen Anstrengungen auf friedliche Lösungen dort zu dringen, wo die Menschen sie auch heute noch oder wieder suchen.

Australien wird für viele Menschen in Deutschland nicht im Vordergrund stehen, wenn sie an die vielen Opfer der europäischen Geschichte des letzten Jahrhunderts denken. Und doch hat kein Land, gemessen an der Zahl seiner gesamten Bevölkerung, so viele junge Soldaten im Ersten Weltkrieg verloren wie Australien.

60.000 Australier waren damals unter den Toten – ihr letzter Ruheort ist für immer in fremder Erde. Und dann gab es die Verwundeten – 150.000, deren Körper und Geist für immer von den Schrecken des Kriegs geprägt war.

Und all dies aus einem Land mit nur etwa vier Millionen Menschen.

Diese junge Nation – Australien besteht als unabhängiges Land seit 1901 – hat sich damals noch stark ihrer alten Heimat verpflichtet gefühlt und sich mit vollem Herzen in dem großen Krieg in Europa engagiert, um einen hohen Preis.

Für mein Land sind die Einsätze im Ersten Weltkrieg – in Nordfrankreich und Flandern, aber auch auf der Halbinsel Gallipoli, an den Dardanellen südlich vom damaligen Konstantinopel – bis heute eine prägende Erfahrung auf dem Weg zu einer eigenen Identität. Jedes Jahr kommen viele Tausend, auch gerade junge Leute aus Australien zu den zentralen Gedenkfeiern in die Türkei, nach Frankreich und Belgien, und überall in Australien finden dazu eigene Veranstaltungen statt.

Im Zweiten Weltkrieg wiederholte sich das Szenario insoweit, als viele Australier erneut in großem Umfang weit entfernt von ihrem eigenen Land im Einsatz waren.

Auch in diesem Krieg standen wir in direkter Weise den Deutschen gegenüber.

In Deutschland selbst sind damals viele Australier gefallen, vor allem Soldaten der Luftwaffe, die mit eigenen Einheiten bei der Royal Air Force eingesetzt waren. So sind in den letzten Jahren noch an verschiedenen Stätten in Deutschland, auch im Umland von Berlin, die sterblichen Überreste von Australiern gefunden worden, die dann erst jetzt würdig bestattet werden konnten.

Der Heeresfriedhof in Charlottenburg erinnert uns an diese gemeinsame Geschichte, aber auch andernorts in Deutschland sind insgesamt etwa 1100 Australier als Kriegsopfer bestattet.

Umgekehrt hat das globale Szenario der Kriege deutsche Marinesoldaten bis vor die Küsten Australiens gebracht. Auch dazu finden wir uns in gemeinsamem Gedenken in diesen Tagen wieder zusammen: Nächste Woche wird der 70. Jahrestag des Untergangs zweier Schiffe unserer Länder sein, der HMAS SYDNEY II und des deutschen Hilfskreuzers HSK Kormoran. Dabei verloren damals vor der Küste Westaustraliens viele Hundert Mann ihr Leben – für Australien war die Versenkung der Sydney mit allen 645 Mann das opferreichste einzelne Ereignis des Kriegs. Die beiden Wracks konnten übrigens erst im März 2008 gefunden werden, und erst dann konnte für die Angehörigen eine persönliche Trauerfeier stattfinden – das zeigt, wie diese Vergangenheit doch auch noch in unsere nahe Gegenwart hineinreicht.

Mit der damaligen Ausweitung der Kriegsschauplätze im Pazifik haben wir uns stärker auf unsere Region ausgerichtet, in Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten – wir wurden damit eigentlich erst zu einer pazifischen Nation, eine Entwicklung, die seither auch wirtschaftlich untermauert wurde.

Wir schätzen uns glücklich, mit Deutschland nach dem Krieg ganz neue, friedliche Beziehungen aufgebaut zu haben. Im Januar wird es 60 Jahre her sein, dass unsere Regierungen den Austausch von Botschaftern vereinbart haben, und seither haben sich unsere Beziehungen stetig intensiviert und es ist zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit in vielen Bereichen gekommen.

Exemplarisch zeigt sich dies auf der großen politischen Bühne, wenn unsere Regierungschefinnen zum Beispiel im Rahmen der G20 zusammenkommen. Es zeigt sich aber auch in der gemeinsamen Präsenz in Krisengebieten, wo wir jeweils Verantwortung übernehmen bei der Förderung und Durchsetzung des Friedens.

In Afghanistan ist Australien der größte Partner der NATO, mit Einsatzkräften im Süden des Landes, so wie die Deutschen im Norden vertreten sind. Und hier teilen wir das traurige Schicksal, dass wir dort immer wieder auch Opfer unter unseren Soldaten haben. Wir Australier haben erst vorige Woche wieder Tote und Verwundete zu beklagen gehabt. Deutschland ist für uns dabei ein besonderer Partner – viele verwundete Australier sind zur medizinischen Behandlung hierher nach Landstuhl gebracht worden.

Wir sehen auch an unseren Ländern, wie frühere Gegner zu Partnern und Freunden werden können, und ich verneige mein Haupt vor all den Opfern, die auf dem Weg zu diesem heutigen friedlichen miteinander ihr Leben oder ihre Gesundheit lassen mussten, und auch vor denen, die heute noch im Einsatz sind, um anderswo auf der Welt einen solchen Frieden zu erreichen.

Alle unsere Länder, die wir hier heute vertreten sind, eint dieser Wunsch nach einer friedlichen Welt, und die Erinnerung an unsere Toten möge uns eine Mahnung sein, unbeirrt an diesem Ziel festzuhalten.

Das Andenken an den Krieg kommt in vieler Weise zum Ausdruck – in Denkmälern, Kränzen, Gedichten und Liedern. In all diesem wird versucht, das Unsagbare zum Ausdruck zu bringen, aber der einzige Ausdruck, der der Ungeheuerlichkeit des Kriegs gerecht wird, ist vielleicht das Schweigen.

Viele Soldaten, die aus dem Krieg zurückkamen, haben sich in Schweigen gehüllt. Sie haben Dinge gesehen und getan, die zu scheußlich waren, um sie in die schützende Welt ihres eigenen Lebens zu bringen, oder sie mit Menschen zu teilen, die sie nie verstehen konnten.

Dinge, über die nichts mehr gesagt werden kann. Dinge, für die es keine Worte oder Symbole gibt. Und stille Komtemplation bleibt wohl unser bestes und einziges Geschenk.

In der Weisheit und Würde unseres Schweigens wollen wir daher nicht vergessen. Es ist wenig genug verlangt von uns, die wir so viel erhalten haben von denen, die so viel gegeben haben.

In unseren stillen und dankbaren Herzen möge daher nur Schweigen sein – dass wir uns an diesem Tag, und allen Tagen, in allen Monaten und Jahreszeiten, an sie erinnern.